Wer nach einer deutschen Alternative zu AI Dungeon sucht, hat meistens schon eine konkrete Erfahrung hinter sich: eine Geschichte, die englisch begonnen hat und deutsch nie richtig klang. Oder ein Anmeldeformular, das zwischen der Lust auf eine Geschichte und der ersten Szene stand. Dieser Text erklärt, was Adventure Factory anders macht – und was es bewusst nicht kann.
1. Was AI Dungeon vorgemacht hat
AI Dungeon war das erste Projekt, das die Idee einer wirklich offenen KI-Geschichte einem großen Publikum gezeigt hat. Ein leeres Eingabefeld, in das du schreiben kannst, was immer dir einfällt, und ein Modell, das weitererzählt. Diese radikale Offenheit war und ist der Reiz: Du kannst dem Drachen ein Sandwich anbieten, du kannst die Handlung in eine Richtung schieben, die kein Autor vorgesehen hätte. Nichts davon soll hier kleingeredet werden.
Der Preis dieser Offenheit ist allerdings auch bekannt. Eine Geschichte ohne Form driftet. Nach zehn oder fünfzehn Eingaben sitzt man oft weniger in einem Abenteuer als in einer Textwerkstatt und redigiert die KI, statt zu spielen. Und für alle, die nicht auf Englisch schreiben wollen, kommt noch eine zweite Hürde dazu.
2. Deutsch als Erzählsprache, nicht als Übersetzung
Der wichtigste Unterschied ist der unauffälligste. Bei Adventure Factory ist Deutsch nicht die Oberfläche, sondern die Sprache, in der die Geschichte entsteht. Die Anweisungen, die das Sprachmodell im Hintergrund bekommt, sind deutsch. Titel und Ausgangslage gibst du deutsch ein. Der Erzähltext wird deutsch geschrieben – nicht englisch gedacht und anschließend durch eine Übersetzung geschoben.
Das hört man. Übersetzter Text hat einen bestimmten Klang: Sätze, die zu gerade sind, Redewendungen, die wörtlich genommen wurden, ein Erzähler, der siezt und duzt, ohne sich zu entscheiden. Wenn die Geschichte dagegen von Anfang an deutsch gedacht wird, bleibt der Rhythmus erhalten. Eine Figur, die im dritten Abschnitt nervös wird, wird nicht "anxious" und dann irgendwie ängstlich, sondern klingt einfach nervös.
Englisch gibt es genauso – die Seite ist zweisprachig, und die englische Version ist ebenfalls originaler Text und keine Rückübersetzung. Aber Deutsch ist hier nicht die nachgereichte zweite Sprache.
3. Drei Optionen statt eines leeren Eingabefelds
Das ist der größte konzeptionelle Unterschied, und er ist eine echte Abwägung, keine Verbesserung in alle Richtungen.
Jeder Abschnitt endet nach ungefähr 250 Wörtern mit genau drei nummerierten Möglichkeiten, wie es weitergeht. Du klickst eine an, der nächste Abschnitt baut darauf auf. Du musst nichts formulieren, nichts tippen und nicht überlegen, was das Modell wohl versteht. Die Optionen kommen aus der Szene, die gerade geschrieben wurde – sie sind nie generisch, weil sie nicht vorher existiert haben.
Was du dafür aufgibst: Du kannst dem Drachen kein Sandwich anbieten, wenn keine der drei Optionen davon handelt. Wer die völlige Freiheit will, ist mit dem offenen Eingabefeld tatsächlich besser bedient. Wer dagegen eine Geschichte lesen will, die vorankommt, bekommt mit drei Optionen eine Form, die das Driften verhindert. Es ist der Unterschied zwischen einem leeren Blatt und einem Abenteuerbuch: Beides hat seinen Platz, aber es sind unterschiedliche Freizeitbeschäftigungen.
4. Anfangen, ohne vorher ein Konto anzulegen
Es gibt kein Registrierungsformular zwischen dir und der ersten Szene. Du öffnest die Seite, gibst einen Titel und ein, zwei Sätze Ausgangslage ein – oder wählst eine der fertigen Startideen – und liest los. Kein Passwort, keine E-Mail-Adresse, keine Bestätigungsmail, kein Download.
Im Hintergrund bekommst du dabei tatsächlich einen eigenen Spielstand, damit deine Geschichte auch dann noch da ist, wenn du den Tab zwischendurch schließt. Sie gehört dir, nicht einem anonymen Sammelbecken. Wenn du später ein richtiges Konto anlegen willst, wird aus dem Gastzugang dasselbe Konto – die Abenteuer, die du als Gast gespielt hast, bleiben erhalten. Aber das ist eine Entscheidung, die du triffst, wenn du weißt, ob dir das Ding überhaupt gefällt. Nicht vorher.
5. Ein Preis in Euro, ein Abo, keine Guthabenwährung
Kostenlos startest du mit einem Kontingent, das für eine richtige Geschichte reicht – genug, um zu beurteilen, ob dir der Schreibstil zusagt, nicht nur für zwei Klicks. Danach gibt es genau einen bezahlten Tarif: Basic für 10 Euro im Monat.
Kein Punktesystem, keine Kristalle, keine drei Stufen mit verwirrend gestaffelten Zusatzpaketen, keine Preisliste in Dollar, die du im Kopf umrechnen und um Wechselkurs und Steuer ergänzen musst. Ein Betrag, monatlich, in Euro, von einem Anbieter in Deutschland.
6. Was du hier nicht bekommst
Fairerweise gehört auch das dazu, denn Adventure Factory ist ein kleines Projekt und kein Konzernprodukt.
Es gibt kein Inventarsystem, das im Hintergrund exakt Buch führt. Wenn eine Szene schreibt, dass du eine Laterne mitgenommen hast, dann weiß die Geschichte das, weil es im bisherigen Text steht – nicht weil ein Gegenstand in einer Datenbank liegt. Bei sehr langen Geschichten können daraus kleine Unstimmigkeiten entstehen, sobald ältere Abschnitte aus dem Blickfeld des Modells rutschen. Es gibt keinen Mehrspielermodus, keine selbst trainierbaren Modelle, keine Bilder zu jeder einzelnen Szene. Was es gibt, ist eine Handvoll Genres von Krimi über Fantasy bis Romantasy, jeweils mit passendem Titelbild, die Möglichkeit, einen misslungenen Abschnitt neu schreiben zu lassen, und die Option, eine fertige Geschichte über einen Link öffentlich zu teilen.
Wer eine Sandbox mit maximalen Schrauben sucht, ist woanders besser aufgehoben. Wer auf Deutsch eine Geschichte lesen will, die sich beim Lesen erst schreibt, ist hier richtig.
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